Bundestagspräsidentin Julia Klöckner will Sexarbeiter*innen ihre Grund- und Menschenrechten entziehen – wir sagen NEIN: Nicht mit uns!
In den letzten Tagen machten Frau Klöckner, Bundestagspräsidentin, Frau Warken, Bundesgesundheitsministerin und andere Personen Furore, indem sie das sog. Nordischen Modell präferierten. Erstaunlich war dabei, dass sie alle die immer gleichen Narrative benutzten – vom Bordell oder Puff Europas, der überwiegenden Anzahl von „Opfern“/den Unfreiwilligen unter den Sexarbeiter*innen, der großen Gewalt und den „Profiteuren“, etc. Narrative, die nunmehr seit mehr als 10 Jahren immer wieder bemüht werden und die auch durch die ständige Wiederholung und die Benutzung einer drastischen, beschämenden Sprache nicht wahrer werden!
Wer sich mit dem vielschichtigen Thema Sexarbeit einmal ernsthaft auseinandersetzt, stellt schnell fest:
Es wird nicht differenziert,
es werden keine relevanten Infos genannt,
nichts wird unterlegt mit Fakten, Zahlen oder Studien
und den vorgeschobenen "Opfern" wird NICHTS angeboten: keine Alternativen zur Prostitution, keine Hilfen, kein Empowerment, etc.
Es geht offensichtlich nur um die Durchsetzung eines Verbots (die Einführung des sog. Nordischen Modells) aus rein moralischen und machtpolitischen, konservativen Überlegungen. Und weil sie persönlich Prostitution ablehnen, sollen Sexarbeiterinnen, Kundinnen und Bordellbetreiber*innen auf ihre Grund- (Art. 1+2+12 GG) und Menschenrechte verzichten!?
Denn ein sog. Sexkaufverbot verunmöglicht gute Arbeitsbedingungen in Bordellen, wo Sexarbeiter*innen Schutz und Kollegialität erfahren. (Bordelle sind übrigens die vom Staat am besten kontrollierten Gewerben.)
Kunden können Sexarbeiterinnen nicht mehr öffentlich und an geschützten Orten treffen, weil die Polizei sie jagd, um Bußgelder und Haftstrafen gegen sie zu verhängen. Dadurch werden Sexarbeiterinnen auch in eine schlechtere Verhandlungsposition gezwungen und verlieren Schutz und Respekt.
Sie greifen ein in das höchst private und intime Leben der Betroffenen, denn Kunden und Sexarbeiterinnen entscheiden sich freiwillig für dieses Arrangement. Für die Kunden ist es oft die einzige Art, Nähe und Sexualität auszuleben und für die Sexarbeiterinnen eine legitime Form des Broterwerbs.
Frau Klöckner (und ihre „Mitstreiterinnen) sollten sich erstmal sachkundig machen, mit uns (oder anderen Expertinnen) reden, eine Prostitutionsstätte besuchen und sich mit den Gesetzen auseinandersetzen. Haben sie die Evaluation des ProstSchG überhaupt gelesen? Dies ist eine wissenschaftliche Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die das Bundesfamilienministerium – gesetzeskonform – in Auftrag gegeben hat. Wissen sie von der Experten-Kommission, die lt. Koalitionsvereinbarung darüber beraten soll? Ihre Haltung ist paternalistisch und diskriminierend.
Sexarbeiterinnen haben lange genug für einen einklagbaren Anspruch auf das Honorar gekämpft und Bordellbetreiberinnen können endlich konzessionierte Betriebe führen.
Dieser medienwirksame Vorstoß ist ein Verächtlichmachen aller Frauen - ein Angriff auf die (sexuellen) Rechte aller Frauen, auf Selbstbestimmung, auf Freiheit. Warum? Ist dies ein weiterer Beleg für den allgemeinen Roll-Back in unserer Gesellschaft? Wen nehmen sie sich nach den Sexarbeiter*innen vor?
Frau Klöckner sollte sich vor allem auf ihren Job als Bundestagspräsidentin konzentrieren und diesen unparteiisch und neutral ausführen.
Stephanie Klee/Vorstand
Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e. V. (BSD)
c/o Zimmervermietung ROSE
Rhinstr. 101
10315 Berlin